Das war die Seligman Europe Tour 2016!

Philip Streit rief, und sie kamen. Wenn der bekannteste Positive Psychologe Österreichs zur Seligman Europe Tour lädt, dann lässt es sich die weltweite Elite der Positiven Psychologie natürlich nicht nehmen, seinem Ruf zu folgen und ihre neuesten und spannendsten Forschungsergebnisse zu präsentieren. Das Programm war prall gefüllt.

Zwei europäische Großstädte, drei Locations und zwanzig Vortragende, allen voran der Großmeister der Positiven Psychologie, Martin Seligman, machten die Tour zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Hamburg 2016

Der Startschuss war am 02.07.2016 an der Universität Hamburg. Den Auftakt gab Willibald Ruch, der dem Publikum erklärte, warum Stärken stärken stärkt. Nach seiner Auffassung wirken Stärken auf die „Erfüllung“ im Leben. Dabei lassen sich Stärken unterscheiden, die sich auf die allgemeine Lebenszufriedenheit auswirken und solche, die einen Einfluss auf die Arbeits-, Partnerschafts- und Schulzufriedenheit nehmen. Der logische Schluss daraus: Stärken lassen sich trainieren. Das wiederum bedeutet, dass sich die genannten Lebensbereiche zum Positiven hin verändern lassen, wenn man die betreffenden Stärken trainiert. Stärken stärken stärkt also tatsächlich!

Im Anschluss daran erzählten Ernst Fritz-Schubert, der Erfinder des Schulfachs „Glück“ gemeinsam mit seinen Kollegen Olaf-Axel Burow und Tobias Bode, wie die Praxis einer Positiven Pädagogik in Schulen aussehen kann. Die Erfahrung von Glück wirkt leistungssteigernd. Was ist also naheliegender, als Kinder bereits in der Schule an dieses Gefühl heranzuführen? Den Schlüssel hierfür sehen die Vortragenden in einer wertschätzenden Führung durch Lehrer und Lehrerinnen, die die Schüler und Schülerinnen dabei unterstützen, herauszufinden, worin sie gut sind und wo ihre Stärken liegen. Die Überlappung zu Willi Ruchs Ergebnissen wird spätestens hier deutlich und untermauert diese grundlegenden Erkenntnisse.

Der Nachmittag gehörte dann ganz einer der bekanntesten Größen der Positiven Psychologie: Barbara Fredrickson. Ausgehend von ihrer bereits bekanten „Broaden-and-Build“-Theorie der positiven Emotionen erläuterte die Sozialpsychologin ihre aktuelle Theorie der „Aufwärtsspirale der Positivität“. Nach dieser Theorie führt ein positiver Kontext zu positiven Gedanken und Handlungen. Diese wiederum bewirken positive Emotionen, die das Erleben mit positivem Sinn erfüllen. Das hat positive Auswirkungen auf unsere Gesundheit und Fitness, die es uns wiederum ermöglichen, uns mehr in positiven Kontexten zu bewegen. Und der Kreis beginnt von neuem. Eine perfekte Aufwärtsspirale.

Seinen fulminanten Abschluss fand der Tag dann mit einem Vortrag von einem der bekanntesten Gesichter der deutschsprachigen psychologischen Forschung: Dr. Gerald Hüther. Er zeigte auf fulminanten Weise, wie sich Positive Psychologie mit seinem Konzept der Potentialentfaltung verschmelzen lassen.

Am Morgen des zweiten Tages wurde es neurobiologisch. Tobias Esch, seines Zeichens Arzt und Neurowissenschaftler, führte die TeilnehmerInnen auf eine Reise ins Gehirn um unsere dortigen Glückszentren zu erkunden. Einer der Hauptprädiktoren für die Abwesenheit von Glücksempfinden und Wohlbefinden ist nach Herrn Eschs Auffassung das Vorhandensein von negativem Stress. Dieser verhindert nämlich, dass wir in den berühmten „Flow“-Zustand geraten, der es uns erlaubt, ganz in einer Tätigkeit aufzugehen. Wäre uns dies möglich, würde unser Belohnungszentrum im Gehirn geradezu strahlen. Negativer Stress legt jedoch einen dicken Schleier über dieses Licht.

Anschließend übernahm der Initiator die Show. Philip Streit brachte die Positive Psychologie mit der Systemischen Therapie in Einklang und erklärte wo sich diese beiden Denkrichtungen ineinander verzahnen. Die Grundidee der Systemischen Therapie ist der Gedanke, dass sich jedes System verändern lässt („Nixx is Fixx“) und dass sich Probleme dekonstruieren lassen, indem man Lösungen konstruiert. Gerade hierfür eignen sich positiv psychologische Interventionen ideal. Sie ermöglichen Begegnung, entfalten Potentiale, utilisieren Niederlagen und schaffen Resilienz, sie kreieren neue positive Netze und Muster und bringen das Große und Ganze ins Spiel. Sie schaffen also Sinn und starten so die von Barbara Fredrickson entdeckte „Upward Spiral“.

Auf Philip Streit folgte Daniela Blickhan. Die Vorsitzende des Dachverbands Positive Psychologie zeigte auf, wie sich Aufblühen im Coaching erreichen lässt. Dies lässt sich bewerkstelligen, indem die drei wichtigsten Grundbedürfnisse erfüllt werden: Kompetenz (seine Stärken wirksam einsetzen können), Autonomie (Selbstbestimmt und in Einklang mit den eigenen Werten und jenen anderer entscheiden können) und Beziehung (Nähe und Vertrauen mit anderen zu teilen). Werden diese Bedürfnisse gestillt, steigert dies das psychische Wohlbefinden, es fördert positive Emotionen und Produktivität und es korreliert mit Gesundheit am Arbeitsplatz. Am Ende des Vortrages musste sich das Plenum die Frage stellen: „Wie hoch ist ihr Füllstand im Glas ihrer drei Grundbedürfnisse und wie sorgen Sie dafür, dass sie nachgefüllt werden?“

Anschließend übernahm ein alter Bekannter des Positiven Psychologiebewegung: Gunther Schmidt. Er versetzte das Publikum zwar nicht in Trance, erläuterte jedoch, was diese mit Positiven Interventionen hat. Unter Trance versteht man in der modernen Hypnotherapie sämtliche Erlebnis-Prozesse, bei denen unwillkürliches Erleben dominiert. Dieses Erleben kann entweder positiv (Lösungs-Trance-Erleben) oder negativ (Problem-Symptom-Trance) sein. Nach der Auffassung von Gunther Schmidt können die Maßnahmen der Positiven Psychologie (wie z.B. Übungen wie die 3 Blessings) als gezielte Interventionen zur Fokussierung auf die von ihr angestrebten Erlebnisprozesse verstanden werden, weil sie dazu beitragen, das Lösungs-Trance-Erleben zu fördern.

Nach dem Mittagessen war es Zeit für den fulminanten Abschluss der ersten Hälfte der Seligman Europe Tour 2016. Das Mastermind der Positiven Psychologie, Martin Seligman, betrat zum ersten Mal die Bühne und erstaunte das Publikum mit seiner überarbeiteten Version seines eigenen Konzepts der erlernten Hilflosigkeit. Wie sich herausstellt, ist erlernte Hilflosigkeit gerade das nicht, nämlich erlernt. Hilflosigkeit ist vielmehr das Grundverhalten, das bei Schockzuständen oder vermeintlich ausweglosen Situationen gezeigt wird. Diese Passivität kann jedoch durchbrochen werden, indem man lernt, die Kontrolle über sein Schicksal zu erlangen. Seine neuen Erkenntnisse begeisterten die ZuhörerInnen dermaßen, dass dem Vortrag von Martin Seligman minutenlanger Beifall mit Standing Ovation folgte. Diese Wertschätzung seiner Arbeit, rang sogar diesem Giganten die eine oder andere Träne ab. Ein perfekter Abschluss für den ersten Teil der Tour, wie wir finden!

Präsentationen – Hamburg 2016

Wien 2016

In Wien ging es eine Woche später dann mit derselben Energie weiter, wie schon in Hamburg. Der Zukunftskongress konnte starten. Beflügelt von den Erfahrungen in Hamburg, verzauberte das Team von Seligman Europe zunächst die Wirtschaftsuni Wien in ein Zentrum für Positive Leadership.

Freitag, 09:00 ging es dann los und Kim Cameron, der Begründer des weltweit angewandten Konzepts von Positive Leadership, zeigte in einem faszinierenden Workshop, wie Unternehmen nur 1% ihrer Unternehmenskultur verändern müssen, um zu außergewöhnlichem Erfolg zu gelangen. Der Schlüssel hierfür sind die sog. „Positive Engerizers“, also Personen, die ihre MitarbeiterInnen förmlich mitreißen und positiv beeinflussen. Dabei ist dieser Faktor bei weitem wichtiger, als die Macht, die Personen im Unternehmen über andere haben. Der positive Einfluss dieser Menschen funktioniert wie von selbst. Positive Energizers verbessern die Arbeiten ihrer Kollegen und KollegInnen bringen sie zu Höchstleistungen. Ein spannendes Ergebnis einer Studien von Kim Cameron: Hochperformende Firmen haben bis zu dreimal mehr Positive Energizers, als Niedrigperformer.

Nach diesem bereits äußerst informativen Tag hieß es dann noch einmal schlafen und der Zukunftskongress konnte wirklich in die Vollen gehen. Den Anfang machte am Samstagmorgen Günter Lueger, der den Potentialfokus auf die Zukunft richtete. Kern seines Konzeptes ist eine ganz einfache Frage: „Was wünschen Sie sich?“. Doch dies reicht noch nicht aus. Es geht um die konkrete Vorstellung davon, wie die erwünschte Zukunft erreicht wird. Angenommen, es wird etwas besser, was wird dann anders geworden sein? Wie werden Sie das geschafft haben? Was werden Sie heute oder morgen tun, das in diese Richtung führt? Wichtig ist dabei, dass dabei die eigenen Fähigkeiten und Potentiale im Blick gehalten werden. Und schon rückt die gewünschte Zukunft in greifbare Nähe.

Im darauffolgende Vortrag hielt die Zukunft in unserer Methoden Einzug, wie wir Wohlbefinden und viele weitere psychologische Konstrukte messen und vorhersagen können. Johannes Eichstaedt ist einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet von Big Data. Darunter versteht man die Auswertung riesiger Datenmengen. In diesem Fall erkundet Johannes Eichstaedt Postings auf Facebook und Twitter anhand der sogenannten Open Language Analysis. Diese Technik erlaubt es, anhand der Daten Schlüsselwörter zu identifizieren, mit denen sich Vorhersagen zu den unterschiedlichsten Fragestellungen machen lassen. Zum Beispiel gelang es mit dieser Methode, Grippeepidemien früher vorherzusagen, als dies der amerikanischen Gesundheitsbehörde möglich war. Im psychologischen Bereich hingegen lässt die Verwendung diverser Schlüsselwörter Schlüsse darauf zu, ob eine Person im klinisch relevanten Bereich Symptome von Depressionen zeigt. Wahrlich, eine Methode der Zukunft.

Er sieht vielleicht auf den ersten Blick nicht so aus, aber Philip Streit ist ganz schön fit, wenn er will. In seinem Wienvortrag ging es dann auch genau um dieses Thema jedoch aus einer positiv psychologischen Perspektive. Wohlfühlen und Potentialentfaltung sind von fünf wesentlichen Verhaltensweisen bzw. Gewohnheiten ab: „Entspanne, schlafe, iss was Gutes, bewege Dich und denke und handle positiv“. Speziell den „bewege Dich“-Part hat Herr Streit eindrucksvoll und mit vollem Körpereinsatz live vorgezeigt (siehe Foto). Vier Übungen, jeweils 4 Mal für 20 Sekunden ausgeführt und dies drei bis vier Mal in der Woche machen bereits einen gewaltigen Unterschied darin, wie wir uns fühlen. Wenn wir dies noch mit positiven Interventionen wie den Three Blessings kombinieren, steht wahrem Wohlbefinden nichts mehr im Weg.

Im Anschluss betrat Jaro Raiser von Hikingdays die Bühne. In seinem Vortrag ging es darum, wie Firmen und Organisationen zu „Positiver Performance“ geführt werden können. Nach Herrn Raiser wird eine Frage viel zu selten gestellt. Was war gut und vor allem: Warum? In Unternehmen kommt es viel zu häufig vor, dass nur dann über Abläufe, Ziele und Ergebnisse gesprochen wird, wenn diese nicht passen. Läuft etwas gut, wird dies häufig als selbstverständlich hingenommen und kaum speziell gewürdigt. Sofort geht es weiter zum nächsten Projekt, statt über die positiven Dinge zu reflektieren. Eine sehr gute Methode, bei der man genau dafür Zeit hat, ist sich ins Grüne zu begeben, eine erholsamen Spaziergang zu unternehmen und über Positives zu meditieren.

Organisationspsychologisch ging es mit Markus Ebner weiter. Er ist der Pionier, wenn es darum geht, die verschiedenen existierenden Konzepte von Positive Leadership in ein Gesamtwerk zu gießen und dieses mit den berühmten PERMA-Faktoren (Positive Emotionen, Positive Beziehungen, Erfolg, Sinn und Engagement) für Wohlbefinden in Beziehung zu setzen. Das Ergebnis dieses Mammutprojektes ist der PERMA-Lead Fragebogen. Dieser fokussiert auf konkretes Führungsverhalten und erhebt, ob eine Führungsperson es vollbringt, dass ihre Teammitglieder auf den fünf PERMA-Faktoren aufblühen. Wie sich zeigt, besteht ein äußerst starker, positiver Zusammenhang zwischen den PERMA-Lead Faktoren und psychologischem Kapital wie Hoffnung, Selbstwirksamkeit, Optimismus und Resilienz.

Weiter ging es mit dem Psychiater und Psychotherapeuten Tayyab Rashid. Der Begründer der Positiven Psychotherapie erläuterte in einem mitreißenden Vortrag sein bahnbrechendes Konzept. Speziell die Psychotherapie in den meisten ihrer Denkschulen fokussiert sehr stark auf die Vergangenheit ihrer KlientInnen. „Was ist im Leben einer Person schiefgegangen, das erklärt, warum es ihr jetzt so geht?“ Dies scheint häufig die zentrale Frage zu sein. Menschen haben jedoch die einzigartige Fähigkeit, sich ihre Zukunft auszumalen und sich in dieser selbst zu verorten. Dies lässt sich laut Herrn Rashid in der Therapie nutzbar machen, um den KlientInnen ein positives Zukunftsbild von ihnen selbst zu geben, auf das sie hinarbeiten können.

Den Abschluss von Tag 1 des Zukunftskongresses gehörte dann noch einmal der Neurologie und dem Gehirnforscher Joachim Bauer. Er sieht eine funktionierende Selbststeuerung als grundlegende Eigenschaft, die es uns erst ermöglicht, eine positive Zukunft zu gestalten. Der Präfrontale Kortex spielt hier die Hauptrolle, da er unsere Trieb- und Lustzentren im Zaum zu halten vermag. Eine solche Selbststeuerung wird von diversen Faktoren begünstigt. Dazu gehören laut Joachim Bauer gute soziale Beziehungen, Sport, Achtsamkeit sich selbst und anderen gegenüber und das mit sich selbst in Kontakt sein. Stress, Angst, gehetzt sein und ein ständig auf uns einprasselnder Platzregen aus Informationen und Reizen können dieses Kontrollsystem jedoch leicht überfordern.

Über Nacht gestärkt und positiv in die Zukunft blickend begannen das Team und die TeilnehmerInnen den neuen Tag: Den Zukunftstag! Das große Finale war gekommen. Mit Spannung wurden die vier Reiter der Prospektion erwartet.

Den Anfang machte natürlich der Initiator der prospektiven Bewegung, Martin Seligman. Zunächst gab er einen Überblick, wie sich die vier Hauptdarsteller des Zukunftstages überhaupt erst kennen lernten und wie es dazu kam, dass sie sich mit diesem speziellen Thema auseinandersetzten. Wie sich zeigt, reicht oft schon das zufällige Beisammensitzen zu Mittag, um etwas Großartiges ins Leben zu rufen.

Den eigentlichen Beginn der Vortragsreihe machte dann der Psychiater, Philosoph und Neurowissenschaftler Chandra Sripada. Dieser untersuchte in den letzten Jahren eine Gehirnstruktur, die allgemein als das „Default Network“ des Gehirns bezeichnet wird. Diese spezifischen Zentren werden faszinierenderweise immer dann aktiv, wenn wir gerade gar nichts tun. Chandra Sripada nennt dies den „Vergessenen Modus des Denkens“, weil der überwiegende Teil neurologischer Forschung Aktivität untersucht, die dann auftritt, wenn wir spezifische Tätigkeiten ausführen. Kaum jemand interessiert sich tragischer Weise für „Mind Wandering“, obwohl neueste Studien zeigen, dass wir 30-50% unserer wachen Zeit genau damit verbringen. Doch warum „wandert“ unser Geist? Eine aktuelle Hypothese von Herrn Sripada hierzu ist die „Erkundungshypothese“. Nach dieser verarbeitet und erkundet unser Gehirn Informationen in unserem Gedächtnis, sucht darin nach Mustern, rekombiniert diese und schafft so neue Verbindungen und kreative Ideen für die Zukunft.

Weiter ging es neurophilosophisch mit dem zweiten im Bunde, Peter Railton. Er erklärte dem Publikum wie Wunsch und Handlung zur Wunscherfüllung zusammenhängen. Oft haben wir Wünsche, die wir niemals umsetzen. Was ist es also, das uns vom Wunsch zur Tat schreiten lässt. Herr Railton sieht hier den entscheidenden Link im Verlangen (=Desire). Erst wenn wir ein Verlangen danach entwickeln, den Inhalt eines Wunsches wirklich zu erreichen, werden wir auch den Willen entwickeln, zur Tat schreiten. Doch was löst dann das Verlangen aus? Peter Railton bringt hier als erklärendes Beispiel die Werbebranche aufs Tapet. Sie verstehet es, mit ansprechenden Bildern, Videos und wohlklingenden auditiven Reizen ein positives Gefühl bei uns auszulösen, das wir mit einem spezifischen Produkt (Kaffee, Autos, Parfums, etc.) bzw. mit dem Erhalt des Produkts verbinden. Es bewirkt also eine positive Prospektion in Bezug auf den Wunschinhalt.

Als nächstes betrat einer der bekanntesten Sozialpsychologen der Gegenwart die Bühne. Roy Baumeister machte sich auf, eine der wichtigsten Grundlagen für Prospektion zu ergründen: Den freien Willen. Nach seiner Auffassung ist dieser als Faktor zu sehen, der menschliches Handeln beeinflusst. Wir sind die Schmiede unseres eigenen Schicksals. Dieses ist nicht festgeschrieben, sondern kann jederzeit von uns geändert werden. Der Freie Wille ist dabei als Werkzeug zu sehen, der es uns erst ermöglicht, komplexe Entscheidungen zu treffen. Der Mensch hat sich dazu entwickelt, in sozialen Gesellschaften zu leben. Das Existieren in einer solchen erfordert es, dass wir in „verantwortungsvoller Autonomie“ leben, damit dieses System funktionieren kann. Diese neue Form der Selbstwirksamkeit unterscheidet den Menschen von anderen Tieren und macht es uns möglich, als moralischer, ökonomischer und informierter Akteur aufzutreten und uns die verschiedensten Versionen der Zukunft vorzustellen und daraus zu wählen.

Den Abschluss machte wieder der Initiator. Martin Seligman betrat ein weiteres Mal die Bühne und sprach über Prospektion im Zusammenhang mit Depression und Kreativität. Wie sich in aktuellster Forschung herausstellt, ist eine der schwerwiegendsten Symptome von Depression die Unfähigkeit der KlientInnen, sich eine positive Zukunft vorzustellen. In der Therapie sollte deshalb verstärkt daran gearbeitet werden, die KlientInnen zu positiven Prospektionen hinzuführen. Aus der Positiven Psychologie kennen wir die Methode der Three Blessings. Kurz vor dem zu Bett gehen, schreibt man sich Dinge auf, die an diesem Tag gut gelaufen sind und reflektiert über diese. Das prospektive Pendant zu dieser Übung wäre nun, sich stattdessen drei Dinge aufzuschreiben, die man erwartet, dass sie am darauffolgenden Tag gut laufen werden.

Zum Thema Therapie hatte auch Philip Streit noch einige Sätze zu sagen, die er in Martin Seligmans Vortrag einfließen lassen konnte. Aktuellere Therapieansätze tuen nämlich schon genau das. Sie schaffen eine positive Prospektion der Zukunft. Lösungsorientierte Ansätze zum Beispiel dekonstruieren das Problem durch die Konstruktion der Lösung. Diese liegt zwangsläufig in der Zukunft, weshalb der Fokus auf die Art und Weise gelegt werden sollte, wie ein Problem gelöst wird und weniger auf die Hintergründe des Problems an sich.

Das Finale gehörte wieder Martin Seligman mit seiner Darstellung über die Entwicklung von Kreativität und Alter. Entgegen aktueller Literatur zum Thema schlägt er vor, dass Kreativität mit steigendem Alter besser wird. Und dies, obwohl Faktoren wie Geschwindigkeit, Gedächtnis, Standhaftigkeit und Originalität mit steigendem Alter sinken. Was nämlich häufig nicht mitgedacht wird, ist die Tatsache, dass spezifisches und allgemeines Wissen im Alter üblicherweise zunehmen, dass man besser darin wird, Abkürzungen zu nehmen (man liest nicht das gesamte Paper, sondern sucht sich die für einen selbst relevanten Inhalte heraus und weiß schon vorher, wo diese wahrscheinlich zu finden sind) und somit effizienter zu arbeiten und man bekommt ein Gespür für sein Publikum. Kinder sind unglaublich kreativ, ihnen fehlt jedoch die Fähigkeit, sich in ihr Publikum hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit kommt erst im Laufe der Zeit und hilft mit steigendem Alter mehr und mehr, abzuschätzen (=vorherzusehen), welche Inhalte ein Publikum verzaubern wird.

Wir dürfen in diesem Sinne gespannt sein, wie uns Martin Seligman auch in Zukunft noch weiterhin verzaubern wird. Das Team von Seligman Europe bedankt sich bei allen ReferentInnen, bei allen TeilnehmerInnen und bei allen LeserInnen unseres Berichts und unserer Homepage!

Auf ein baldiges Wiedersehen!

Präsentationen – Wien 2016