Glück, Wohlbefinden und Selbstverwirklichung sind Schlagwörter unserer Zeit. Der Buchmarkt quillt über mit immer neuen Ratgebern; Zeitschriften und Zeitungen berichten regelmäßig in großen Aufmachungen davon; kostspielige Vortragsveranstaltungen und Workshops werden allgegenwärtig angeboten. Trotz des großen Interesses an Fragen nach dem gelingenden Leben, nach dem Sinn und Glück, hat sich die wissenschaftliche Psychologie über viele Jahrzehnte eher randständig mit diesen zentralen Fragen beschäftigt. Es ist das große Verdienst Martin Seligmans, mit der Begründung der Positiven Psychologie insbesondere die anwendungsorientierte Forschung in diesem Bereich der Psychologie gestärkt zu haben. Die Positive Psychologie als wissenschaftliche Disziplin verfolgt ein klares Ziel: Mit wissenschaftlichen Methoden die Bedingungen und Konsequenzen des Wohlbefindens, menschlicher Stärken und positiv gestalteter Institutionen zu untersuchen und Interventionen zu entwickeln und evaluieren, die der Förderung einer positiven individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Entwicklung dienen. Hierdurch hebt sie sich von (wichtigen) rein philosophischen Überlegungen ab und schiebt ungeprüften Heilsversprechungen und dogmatischen Stellungnahmen, wie sie zunehmend in der Öffentlichkeit vermittelt werden, einen Riegel vor.
Mit dem vorliegenden Buch fasst Martin Seligman seine derzeitigen Überlegungen und Erkenntnisse zu den Bedingungen eines gelingenden Lebens zusammen. Es ist aus vielerlei Gründen ein sehr lesenswertes Buch. Es gibt einen auch für Laien sehr verständlichen Überblick über zentrale wissenschaftliche Befunde zu den Fragen nach dem Wohlbefinden und gelingenden Leben und erschließt der Leserschaft, die sich vertiefend mit der Thematik auseinandersetzen will, in einem 60seitigen Anhang die wichtigsten wissenschaftlichen Quellen. Seligman ermöglicht es hiermit allen Lesern, sich kritisch und wissensbasiert mit seinen Positionen auseinanderzusetzen. Es schlägt eine neue Theorie des Wohlbefindens vor, die sich einerseits an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, andererseits die breite wissenschaftliche und anwendungspraktische Erfahrung von Martin Seligman zum Ausdruck bringt. Es illustriert die Entwicklung der Positiven Psychologie über die letzten zehn Jahre und stellt praktische Übungen zur Steigerung des Wohlbefindens vor. Es berichtet von vielfältigen Erfahrungen zur positiven Gestaltung von Institutionen wie etwa Schulen und beschäftigt sich intensiv mit der Prävention psychischer Störungen und körperlicher Erkrankungen. Es lädt ein, sich mit seiner eigenen Lebensführung und der Gestaltung der eigenen Umwelt auseinanderzusetzen und sich neue Wege zu erschließen.
Flourish ist ein Buch, das eine klare wissenschaftliche und persönliche Position bezieht und daher auch zu wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussionen und Kontroversen führen wird. Nicht jeder wird der kritischen Bewertung der Lebenszufriedenheitsforschung zustimmen, hat sie doch viele wichtige und einflussreiche Erkenntnisse hervorgebracht (die auch in dem Buch rezipiert werden). Pharmakologisch arbeitende Therapeutinnen und Therapeuten werden sich durch die Kritik an der Pharmakotherapie herausgefordert fühlen. Und dann ist da noch das Kapitel zu einer starken Armee und der psychologischen Fitness von Soldaten. Die Frage nach der Kooperation von Psychologie und Militär ist oft eine heikle Frage und ein möglicher Beitrag der Psychologie zur Kriegsführung muss stets kritisch und aufmerksam beleuchtet werden. Liest man dieses Kapitel, so wird schnell deutlich, dass es hier um die Linderung individuellen Leidens und der Prävention psychischer Störungen geht. Krieg ist grausam, nicht nur für Zivilisten, sondern auch für die Soldaten und ihre Familien. Einsamkeit, Depression, Suizid und posttraumatische Belastungsstörungen sind in der amerikanischen Armee weit verbreitet. Der Linderung und Prävention dieser Störungen kann sich die Psychologie ebenso wenig verschließen, wie ein Arzt die Behandlung von körperlichen Verletzungen ablehnen darf. Eine Gruppe renommierter amerikanischer Psychologinnen und Psychologen – neben Martin Seligman so angesehene Kolleginnen und Kollegen wie John Cacioppo, John und Julie Gottman, Barbara Fredrickson und andere – haben sich daher zusammengefunden, um ein Präventionsprogramm zu entwickeln, das auf Soldaten und ihre Familien zugeschnitten ist. Dieses wird in seinen Grundzügen und in seiner Verankerung in der Positiven Psychologie dargestellt.
Das Buch setzt sich auch mit der zum Teil undifferenzierten und plakativ unsachlichen Kritik an der Positiven Psychologie auseinander – auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und empirischer Studien. Auch dieser Teil ist lesenswert und zeigt deutlich, dass es sich bei der Positiven Psychologie nicht um eine »Sekte« mit Seligman als ihren »Guru« handelt (wie es etwa im Artikel „Im Herzen der Sekte“ in Die Zeit am 29.12.2012 zu lesen war) .
Flourish ist ein lesenswertes, inspirierendes, aktuelles, wissenschaftlich basiertes Buch und es fordert – auch kritische Stimmen – heraus. Man kann ihm daher eine breite Leserschaft wünschen.
Prof. Dr. Michael Eid
Prof. Dr. Michael Eid ist Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin und Mitherausgeber des Journal of Positive Psychology




